Rückblick auf die Regionaltagung im Oktober 2016

Inhalt

Rückblick auf die Regionaltagung im Oktober 2016

Titel

„Kinder aus Flüchtlingsfamilien und der BEP - Chancen und Herausforderungen für die Kindertagespflege“

Termin und Ort

11. Oktober 2016
9:30 - 16:30 Uhr
Wetzlar

Kooperationspartner

Hessisches KinderTagespflegeBüro
Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 

Bilder

Fotos vom Fachtag finden Sie in unserer Bildergalerie.

Fachvorträge von

Daniela Kobelt Neuhaus, Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie
Dr. Sina Motzek-Öz, Universität Kassel, Humanwissenschaften, Institut für Sozialwesen (IfS)

Inhalte

Grußwort

Die Referentin für frühkindliche Bildung beim Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, Heike Hofmann-Salzer, eröffnet die Tagung und überbringt Grüße von Herrn Staatsminister Stefan Grüttner. Das Thema der Flucht, so die Referentin, habe in den vergangenen Jahren stark die Öffentlichkeit bewegt. „2015 wurden in Hessen 80.000 Menschen aufgenommen, die geflüchtet sind, darunter – selbstverständlich – auch viele Kinder.“ Kinder ab Vollendung des ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr, die sich im Asylverfahren befänden, hätten, wenn sie nach dem Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtung in einer kommunalen Gemeinschaftsunterkunft aufgenommen sind, einen Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kindertageseinrichtung oder in Kindertagespflege.

 

Mit den ankommenden Menschen kämen auch ihre Kulturen und Erfahrungen, sodass die Gesellschaft vielfältiger werde. Unter dem Blickpunkt der Integration und Unterstützung dieser Menschen sei hier die zentrale Frage, was notwendig ist, damit sie sich zugehörig fühlen. „Eine Antwort auf diese Frage ist die Willkommenskultur“, betont die Referentin. Für den frühkindlichen Bereich bedeute es z.B., dass eine behutsame und kultursensible Eingewöhnung stattfinde und dass die Fachkräfte sich und ihren Betreuungsalltag reflektierten. Frau Hofmann-Salzer bezieht sich auf die Professorin Heidi Keller, eine anerkannte Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der kultursensitiven Frühpädagogik, die für „mehr Neugier und weniger Bewertung“ plädiert. Auch der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther vertrete eine solche offene Haltung und werbe dafür, dass Fachkräfte die Kinder „einladen, ermutigen und inspirieren“. Hierfür biete der „Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen“ (HBEP), der entscheidend für die pädagogische Arbeit in den Bereichen Erziehung und Bildung in Kindertagespflege, Kita und Schule sei, eine sehr gute fachliche Grundlage, hebt Frau Hofmann-Salzer hervor. Darin werde Heterogenität bzw. Vielfalt als Chance begriffen.

 

Zu seinen Inhalten gebe es bereits seit vielen Jahren Fortbildungsmöglichkeiten für unterschiedliche Zielgruppen. Die einzelnen Fortbildungsmodule würden aktuell in Bezug auf ihre inklusiven Leitgedanken überprüft. Zudem habe das Hessische KinderTagespflegeBüro (HKTB) derzeit ein neues Modul zum Thema „Kinder und Familien mit Fluchterfahrungen in der Kindertagespflege“ entwickelt, welches im Jahr 2017 angeboten wird. In einem anderen Projekt zwischen dem Land Hessen und dem Land Bayern würden aktuell acht Kurzfilme für Eltern entwickelt, die über Bildungs- und Betreuungsangebote im frühkindlichen Bereich informierten.

 

Am Ende ihrer Rede nutzt Heike Hofmann-Salzer die Gelegenheit, um auf die vielfältigen Chancen, die Kindertagespflege für unterschiedliche Lebenslagen bereithält, aufmerksam zu machen: „Kindertagespflege ist ein unverzichtbarer Partner im Gesamtsystem Kinderbetreuung und bietet mit ihren kleinen Gruppen und der individuellen Begleitung ein sehr förderliches, inklusives Umfeld für alle Kinder.“

 

Einführung in den Tag

Auch die Leiterin des Hessischen KinderTagespflegeBüros Ursula Diez-König begrüßt die Anwesenden und nimmt Bezug zu dem vorangehend gezeigten Kurzfilm „Bildungsort Kindertagespflege“, der über die familiennahe Betreuungsform informiert. Dieser sei im Jahr 2012 entstanden und wurde nun in die Sprachen Arabisch, Dari, Englisch, Französisch und Somali übersetzt. Eltern und Interessierte könnten das 3-minütige Video demnächst über YouTube und die Webseite des HKTB ansehen. 

 

Frau Diez-König freut sich über das Interesse der Teilnehmenden an den Inhalten dieser Regionaltagung und darüber, dass so vielfältige Tätigkeitsbereiche im Publikum vertreten sind. Nicht nur Tagespflegepersonen, sondern auch Erzieherinnen und Erzieher, Fachberaterinnen und -berater aus der Kindertagespflege und aus dem Kita-Bereich, sowie Verantwortliche von Bildungsträgern, aus landes- und bundesweiten Verbänden und Studierende sind in der Stadthalle Wetzlar an diesem Tag vereint, um gemeinsam über das Thema „Kinder aus Flüchtlingsfamilien und der BEP“ nachzudenken, Neues zu erfahren und sich auszutauschen. Eine Vertiefung dieses Themas ist im Rahmen des Moduls „Chancen im Blick: Kindertagespflege für Kinder mit Fluchterfahrungen“ möglich, das durch das Hessische Ministerium für Soziales und Integration gefördert wird. Sowohl Fachberaterinnen und Fachberater als auch Kindertagespflegepersonen können das mehrtägige Modul buchen. Auch die Buchung von Inhouse-Schulungen durch Fachdienste ist möglich, die nun aufgefordert sind, ihr Interesse zu bekunden.

 

Fachvortrag „Kinder aus Flüchtlingsfamilien und der BEP – Chancen und Herausforderungen für die Kindertagespflege“

Unsere Gesellschaft ist u.a. durch Globalisierung und Zuwanderung in einem ständigen Wandel. „Der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan bezieht sich auf die immer komplexer werdende Gesellschaft, er beschreibt übergreifende Kompetenzbereiche und sieht Bildung als sozialen Prozess“, so fasst die Referentin Daniela Kobelt Neuhaus von der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie einige Merkmale des BEP zusammen, der die Altersstufen 0 bis 10 in den Blick nimmt. Das wichtigste Ziel des BEP sei die Stärkung kindlicher Kompetenzen. Dabei setze er auf die dialogische Beziehungsgestaltung, auf demokratische Werte und auf die Förderung der Autonomie des Kindes als Akteur seiner Entwicklung.

 

Die Kindertagespflege biete für Kinder aus Familien mit Fluchterfahrung durch die individuelle Betreuung im familiären Rahmen und die feste Bezugsperson besonders gute Entwicklungschancen. Eine Tagespflegeperson könne sich intensiv auf das Kind einlassen und stehe für die Eltern als Ansprechpartnerin bzw. -partner zur Verfügung. Wenn sie eine kultursensitive Haltung vertrete, offen auf Eltern zugehe, sich für ihre Geschichte interessiere und Fragen stelle, dann sei ihre Kindertagespflegestelle ein Willkommensort. Die Referentin gibt den Rat: „Wappnen Sie sich mit Offenheit!“ und bezieht ihn auf alle Menschen. Gemäß dem eingangs erwähnten Motto „weg von Bewertung, hin zu Neugier“ greift sie an dieser Stelle die das Konzept der Ko-Konstruktion auf, das zum pädagogischen Ansatz des BEP gehört. Vorurteilsbewusstes Handeln, das Anbieten von Bindungen und Lernen durch Zusammenarbeit seien hier die Schlüsselbegriffe, um ein wertschätzendes Miteinander zu gestalten.

 

Mit Bezug auf die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Heidi Keller weist die Referentin auf zwei kulturelle Modelle hin, denen jeweils ein anderes Bild vom Kind zugrunde liegt:

  • das Modell der Autonomie, das das Kind als Akteur seiner Entwicklung sieht und auf Werte wie Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Individualität setzt und
     
  • das Modell der Verbundenheit, bei dem ein hierarchisches Generationenverhältnis, Gehorsam gegenüber den Eltern und Respekt vor Älteren im Vordergrund stehen.

 

Diese zwei zentralen Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit würden von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen unterschiedlich stark betont. Bei der Auseinandersetzung mit Kulturen sei es vor allem ausschlaggebend, dass „nicht die Herkunft den Unterschied macht, sondern die Familienkultur!“. „Die Vielfalt an Familientraditionen und -einflüssen führt dazu, dass es in jedem Land und in jeder Ethnie viele Kulturen gibt“, so das Plädoyer der Referentin für eine differenzierte Sicht auf das Thema. 

 

Fachvortrag „Familienkulturen – Orientierung in Bildung und Erziehung“

Dr. Sina Motzek-Öz aus der Universität Kassel beschäftigt sich in ihrem Vortrag mit Familienkulturen und geht auf verschiede Studien zum Thema ein. Sie startet mit der Definition des Begriffs bezugnehmend auf den Sozialwissenschaftler Dr. Dursun Tan. Demnach verberge sich hinter einer Familienkultur „die jeweilige Zusammensetzung von Gewohnheiten, Traditionen, Deutungsmustern und Perspektiven einer Familie, in die materielle Ausstattung, Migrationsmotive und -geschichte, Bildungshintergrund, Herkunft, Sprache(n), Religion(en), Geschlechterverhältnisse, sexuelle Orientierung usw. eingehen“. Auch Frau Motzek-Öz geht auf die beiden kulturellen Modelle mit dem Ziel der Verbundenheit oder der Autonomie (s.o.) ein, aus welchen jeweils unterschiedliche Erziehungsvorstellungen hervorgehen. Nach einem sozio-ökonomischen Verständnis gebe es ergänzend ein drittes Modell: die psychologische Verbundenheit. Dabei spiele die emotionale Verbundenheit eine große Rolle, aber auch die Unabhängigkeit und das autonome Handeln sei hier ein wichtiges Erziehungsziel. Beispiele aus Studien von chinesischen Eltern und im Kontext deutsch-türkischer Migration verdeutlichen die beschriebenen Unterschiede.

 

Die Referentin beschreibt, welche Aspekte Familien mit Fluchterfahrung kennzeichnen können. Viele Zugewanderte seien männlich, mehrsprachig und mehrschriftlich sozialisiert. „Es gibt außerdem eine Heterogenität von religiösen Zugehörigkeiten und Erfahrungen von Diskriminierung, die oft mit Religion verknüpft sind. Daraus ergeben sich vielfältige Herausforderungen für die Frühe Bildung“, resümiert Frau Motzek Öz. Sie beschreibt zwei pädagogische Ansätze zum Umgang mit Vielfalt. Bei der „kultursensitiven Pädagogik“ sei es entscheidend, die vielfältigen kulturellen Muster von Familien anzuerkennen und widerzuspiegeln. Die offene und wertschätzende Haltung, die dahinter stehe, könne sich z. B. dadurch zeigen, dass gemeinsam verschiedene religiöse Feste gefeiert werden. Die „vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ lege den Fokus auf Selbstreflexion der Fachkräfte. Als Beispiele nennt sie hier die Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung, das Reflektieren von Situationen und das Anregen kritischen Denkens über Vorurteile und Diskriminierung bei Kindern.

 

Büchervorstellung

Sehr erlebbar und anschaulich wird das Thema der Tagung, als die freie Fachjournalistin für Kinderliteratur, Antje Ehmann, zwei Kinderbücher vorstellt:

  • Zuhause kann überall sein“, über ein Mädchen, dass sich in einem neuen Land zunächst fremd fühlt und allmählich an das Gefühl von Geborgenheit und Wärme auch im neuen Zuhause anknüpfen kann
  • Zusammen“, ein Bilderbuch, das in Reimen Vielfalt, Freundschaft und Zusammenhalt beschreibt

 

Forschungsprojekt „Migration - (k)ein Thema in der Kindertagespflege“

Silvia Deichmann-Seidel, Fachberaterin für Kindertagespflege im Jugendamt der Stadt Gießen, stellt ein Lehrforschungsprojekt der Justus-Liebig-Universität und des Jugendamtes der Stadt vor, das im Jahr 2015 durchgeführt wurde. Die Ergebnisse seien ganz aktuell erschienen. Ziel des Kooperationsprojektes war es, die Interkulturalität und Mehrsprachigkeit in der Kindertagespflege der Stadt Gießen zu untersuchen. Unter Mitwirkung von 26 Studierenden wurden Expert/innen-Interviews mit Tagespflegepersonen durchgeführt, um zu erfahren, wie die Betreuungssituation wahrgenommen wird, welche Haltungen zu migrationsbezogenen Themen bestehen und welche Strategien sie im Umgang mit diesen nutzen.

 

„Mehr als die Hälfte der Gießener Tagespflegepersonen haben einen Migrationshintergrund“, berichtet Silvia Deichmann-Seidel. Auch bei den Kindern bestehe in Bezug auf Migration eine große Vielfalt. Entsprechend würden viele verschiedene Sprachen gesprochen. Diesen werde jedoch in der Betreuung eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es sich bei dem Kind nicht um die gleiche Sprache handelt, die auch die Tagespflegeperson kennt; so ein Ergebnis der Studie. „Eine weitere Erkenntnis aus der Untersuchung ist die sehr offene Haltung in Bezug auf kulturelle Vielfalt bei den Tagesmüttern und Tagesvätern in Gießen“, betont die Referentin. Auch erfreut ist sie über das Ergebnis, dass in der Kindertagespflege ein sehr individuelles Eingehen auf Eltern gelebt wird. Religion spiele lediglich im privaten Rahmen eine Rolle und werde vornehmlich auf die eigenen Kinder bezogen.

 

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt finden Sie auf der Webseite der Justus-Liebig-Universität und im Abschlussbericht.

 

Arbeitsgruppen

Die Workshops am Nachmittag beschäftigen sich mit folgenden Themen:

  • AG 1: Umgang mit traumatisierten Kindern und ihren Familien
    Ingeborg Joachim, Traumahilfe Frankfurt e.V.
  • AG 2: Ko-Konstruktion öffnet Türen zur Welt und Türen zur Sprache
    Angelika Ertl, BEP-Multiplikatorin, Fachreferentin in der Pädagogischen Akademie Elisabethenstift Darmstadt
    Issa Camara, Musik- und Tanzpädagoge, Senegal / Deutschland
  • AG 3: Vertrauen gewinnen, Fremdheit überwinden: Zusammenarbeit mit Eltern unterschiedlicher Herkunft
    Daniela Kobelt Neuhaus, Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie
  • AG 4: „Warum kommst Du und was erwartest Du?“ – Fluchtursachen und Fluchthintergründe
    Judith Alema, Verein „mekri e.V.“ Frankfurt
  • AG 5: Was ist denn schon normal? Bedürfnisse der Kinder im Blick!
    Dr. Dagmar Berwanger, Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration München

 

Zusammenfassung und Ausblick

Heike Hofmann-Salzer vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration zieht am Ende der Veranstaltung das Resümee, dass „Kindertagespflege ein Willkommensort und im Kontext von Flucht sehr bedeutsam ist“. Es sei wichtig, jedes Kind in den Mittelpunkt aller pädagogischen Überlegungen zu stellen, immer im Dialog zu bleiben, Gewohnheiten der Familien im Betreuungsalltag aufzugreifen und gemeinschaftlich Lösungen im Interesse des Kindes zu finden. Dafür wolle sie die Anregungen der Teilnehmenden aus der Veranstaltung gerne mitnehmen und diese weiterverfolgen. Sie bedankt sich für die intensive Mitwirkung der Tagungsgäste und verweist auf eine weitere Tagung, die demnächst für Erzieherinnen und Erzieher angeboten werde. Der Bedarf der pädagogischen Fachkräfte aus Kitas, sich zum Thema „Familien mit Fluchthintergrund“ zu informieren und Anregungen für die Praxis mitzunehmen, sei beachtlich. Deshalb habe es bereits mehrere Veranstaltungen zu diesen Inhalten für diese Zeilgruppe gegeben und es folgten weitere.

 

Mit Bezug auf ein Zitat von Prof. Gerald Hüther wünscht sie den Anwesenden viel Erfolg für die weitere Arbeit im Betreuungsbereich und lenkt den Fokus auf die wichtigsten Aspekte, die Kinder brauchen:
„Jedes Kind braucht drei Dinge: Aufgaben, an denen es wachsen kann, Vorbilder, an denen es sich orientieren kann, Gemeinschaft, in der es sich wohl und aufgehoben fühlt."

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