Rückblick auf die Regionaltagung im Juli 2016

Inhalt

Rückblick auf die Regionaltagung im Juli 2016

Titel

„Kinder aus Flüchtlingsfamilien und der BEP - Chancen und Herausforderungen für die Kindertagespflege“

Termine und Ort

06. Juli 2016
9:30 - 16:30 Uhr
Frankfurt

Kooperationspartner

Hessisches KinderTagespflegeBüro
Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 

Bilder

Fotos vom Fachtag finden Sie in unserer Bildergalerie.

Fachvorträge von

Daniela Kobelt Neuhaus, Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie

Dr. Berrin Özlem Otyakmaz, Universität Kassel

Inhalte

Grußwort

Heike Hofmann-Salzer als Referentin für frühkindliche Bildung beim Hessischen Ministerium für Soziales und Integration eröffnet die Tagung verbunden mit Grüßen von Herrn Staatsminister Stefan Grüttner. Sie berichtet, dass in Hessen im letzten Jahr 80.000 Menschen aufgenommen wurden, die geflüchtet sind, darunter – selbstverständlich – auch viele Kinder.  Kinder ab Vollendung des ersten bis zum vollendeten dritten Lebensjahr, die sich im Asylverfahren befinden, haben, wenn sie nach dem Verlassen der Erstaufnahmeeinrichtung in einer kommunalen Gemeinschaftsunterkunft aufgenommen sind, einen Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kindertageseinrichtung oder in Kindertagespflege. Konkrete Zahlen, wie viele von ihnen in Kindertageseinrichtungen oder Kindertagespflege betreut werden, gebe es allerdings noch nicht. Der Bedarf der pädagogischen Fachkräfte aus Kitas, sich zum Thema „Familien mit Fluchthintergrund“ zu informieren und Anregungen für die Praxis mitzunehmen, sei beachtlich. Deshalb habe es bereits mehrere Veranstaltungen zu diesem Thema für Erzieherinnen und Erzieher gegeben.  Der Bedarf in der Kindertagespflege sei dabei deutlich formuliert worden. Daher werden nun – gemeinsam mit dem HKTB – diese Anregungen aufgegriffen. „Wir möchten Ihnen ein Forum bieten, in dem wir Sie bewegende fachliche Fragen frühzeitig aufgreifen und die Möglichkeit der Vertiefung für Sie relevanter Themen geben und freuen uns sehr über diese erneute enge vertrauensvolle Kooperation zwischen dem HKTB und dem Land Hessen.“

 

Integration könne umso besser gelingen, wenn ein früher Zugang zu Bildungseinrichtungen bestehe. „Kindertagespflege ist dabei ein unverzichtbarer Partner im Gesamtsystem Kinderbetreuung“, betont die Referentin aus dem Ministerium. Besonders für Kinder ab einem Jahr sei die Betreuung bei Tagesmüttern und Tagesvätern sehr bedeutsam. Eine der großen Aufgaben in Kitas und Kindertagespflege im Umgang mit fluchterfahrenen Kindern sei es, die Eingewöhnung sorgsam durchzuführen und dabei die Kinder ganz nach der Überzeugung des Neurobiologen Prof. Gerald Hüther „einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren“. Hierfür biete der „Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen“ (HBEP) eine sehr gute fachliche Grundlage.

 

Zu seinen Inhalten gebe es bereits seit vielen Jahren Fortbildungsmöglichkeiten für unterschiedliche Zielgruppen. Die einzelnen Fortbildungsmodule würden aktuell in Bezug auf ihre inklusiven Leitgedanken überprüft. Zudem entwickelt das HKTB derzeit ein neues Modul zum Thema „Kinder und Familien mit Fluchterfahrungen in der Kindertagespflege“, welches Ende des Jahres der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

 

Am Ende ihrer Rede nutzt Heike Hofmann-Salzer die Gelegenheit, um auf die vielfältigen Chancen, die Kindertagespflege für unterschiedliche Lebenslagen bereithält, aufmerksam zu machen. Die familiennahe Betreuungsform biete mit ihren kleinen Gruppen und der individuellen Begleitung ein sehr förderliches, inklusives Umfeld für alle Kinder.

 

Einführung in den Tag

Die Leiterin des Hessischen KinderTagespflegeBüros Ursula Diez-König bedankt sich bei Heike Hofmann-Salzer für den inhaltlichen Einstieg ins Thema und für die gute Zusammenarbeit mit dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, durch die die Durchführung dieser Regionaltagung möglich sei. Sie informiert darüber, dass derzeit der Kurzfilm über den „Bildungsort Kindertagespflege“ in fünf verschiedene Sprachen übersetzt wird. Künftig können sich Eltern und Interessierte das 3-minütige Video nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Arabisch, Dari, Englisch, Französisch und Somali ansehen. 

 

Nach der Vorstellung des Tagesprogramms zeigt Ursula Diez-König die Vielfalt der Tätigkeitsbereiche auf, die im Publikum vertreten ist. Nicht nur Tagespflegepersonen, sondern auch Erzieherinnen und Erzieher, Fachberaterinnen und -berater aus der Kindertagespflege und aus dem Kita-Bereich, sowie Verantwortliche von Bildungsträgern, aus landes- und bundesweiten Verbänden sind im Saalbau Griesheim an diesem Tag vereint, um gemeinsam über dieses wichtige Thema nachzudenken, Neues zu erfahren und sich auszutauschen.

 

Fachvortrag „Kinder aus Flüchtlingsfamilien und der BEP – Chancen und Herausforderungen für die Kindertagespflege“

Aufgrund der größeren Mobilität der Weltbevölkerung und auch aufgrund des Zuzugs von Menschen nach Deutschland, die aus ihrer Heimat geflohen sind, hat die Vielfalt in unserer Gesellschaft zugenommen. „Dies bringt für die Betreuungsorte neue Herausforderungen mit sich“, pointiert die Referentin Daniela Kobelt Neuhaus von der Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie. Im Kontakt mit Familien mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen werde die Vielfalt an Überzeugungssystemen in Bezug auf die Erziehung von Kindern deutlich und, dass unterschiedliche Vorstellungen davon bestehen, wie Kinder sich entwickeln, wie sie trocken werden, wie sie schlafen. Auch würden  vielfältige Ess- und Spielgewohnheiten gelebt. Genauso gebe es in Bezug auf Feste verschiedene Traditionen. Mit Blick auf die Globalisierung sei es auch für Erzieherinnen und Erzieher  sowie für Kindertagespflegepersonen immer bedeutender geworden, über kulturelle Hintergründe und politische Veränderungen in anderen Ländern informiert zu sein.

 

Es gibt viele Bildungspläne aus verschiedenen Bundesländern in Deutschland, die auf Vielfalt eingehen und den inklusiven Gedanken im Sinne von Teilhabeermöglichung für alle Kinder verfolgen. Auch der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan sieht Teilhabe als den Schlüssel zur Inklusion und zeichnet sich darüber aus, dass er Kinder im Alter von 0 bis 10 Jahren berücksichtigt. „Der Bildungs- und Erziehungsplan ist ein wunderbares Werk, das Bildung an den Bedürfnissen von Menschen und nicht an curricularen Vorgaben ausrichtet“, betont die Referentin. „Er versteht Bildung als sozialen Prozess und sieht als Grundlage von Bildung die Beziehungsgestaltung“, führt sie weiter aus.

 

Kindertagespflegepersonen haben in der frühkindlichen Bildung eine enorm wichtige Aufgabe. Sie seien „die Brückenbauer für den Eintritt in die Gesellschaft“, da sie oft den ersten Erfahrungsraum im öffentlichen Betreuungssystem für Kinder darstellen. Ihr Blick sollte gemäß des HBEP für die Stärkung von kindlichen Kompetenzen geschult sein. Für ihr eigenes Profil spielen vor allem Beziehungskompetenzen, Empathie- und Kommunikationsfähigkeiten sowie eine anti-diskriminierende Haltung im Kontext von Inklusion eine wichtige Rolle.

 

Mit Bezug auf die Wissenschaftlerin Prof. Dr. Heidi Keller weist die Referentin auf zwei kulturelle Modelle hin, denen jeweils ein anderes Bild vom Kind zugrunde liegt. Beim Modell der Autonomie wird das Kind als Akteur seiner Entwicklung wahrgenommen; das Konstrukt umfasst Werte wie Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Individualität. Beim zweiten Modell der Verbundenheit stehen ein hierarchisches Generationenverhältnis, Gehorsam gegenüber den Eltern und Respekt vor Älteren im Vordergrund. Diese zwei zentralen Bedürfnisse nach Autonomie und Verbundenheit werden von Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen unterschiedlich stark betont. Bei der Auseinandersetzung mit Kulturen sei es vor allem ausschlaggebend, dass „nicht die Herkunft den Unterschied macht, sondern die Familienkultur!“. „Die Vielfalt an Familientraditionen und -einflüssen führt dazu, dass es in jedem Land und in jeder Ethnie viele Kulturen gibt“, so das Plädoyer der Referentin für eine differenzierte Sicht auf das Thema.  

 

In diesem Zusammenhang verweist Daniela Kobelt Neuhaus auf die rechtliche Situation für die Inanspruchnahme von Kindertagespflege. Nach §§ 22 ff. des Sozialgesetzbuches VIII haben alle Kinder ab Vollendung des ersten bis zur Vollendung des dritten Lebensjahrs einen Anspruch auf frühkindliche Förderung in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege. Sobald Familien die Erstaufnahme in Hessen verlassen, gilt das selbstverständlich auch für Kinder aus diesen Familien.

 

Arbeitsgruppen

Die Workshops am Nachmittag beschäftigen sich mit folgenden Themen:

  • AG 1: Umgang mit traumatisierten Kindern und ihren Familien
    Tanja Kessler, Zentrum für Trauma-Pädagogik Hanau
  • AG 2: Mit Büchern Brücken bauen - dialogisches Vorlesen mit aktuellen Bilderbüchern
    Antje Ehmann M.A., freie Fachjournalistin für Kinderliteratur, Darmstadt
  • AG 3: Ko-Konstruktion öffnet Türen zur Welt und Türen zur Sprache
    Angelika Ertl, BEP-Multiplikatorin, Fachreferentin in der Pädagogischen Akademie Elisabethenstift Darmstadt
    Issa Camara, Musik- und Tanzpädagoge, Senegal / Deutschland
  • AG 4: Vertrauen gewinnen, Fremdheit überwinden: Zusammenarbeit mit Eltern unterschiedlicher Herkunft
    Daniela Kobelt Neuhaus, Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie
  • AG 5: „Warum kommst Du und was erwartest Du?“ – Fluchtursachen und Fluchthintergründe
    Judith Alema, Verein „mekri e.V.“ Frankfurt
  • AG 6: Was ist denn schon normal? Bedürfnisse der Kinder im Blick!
    Dr. Dagmar Berwanger, Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration München

 

Fachvortrag „Familienkulturen – Orientierungen in Bildung und Erziehung“

Der abschließende Fachvortrag ist inhaltlich eine gute Ergänzung und Vertiefung zum Gehörten am Vormittag:
Dr. Berrin Özlem Otyakmaz von der Universität in Kassel betont den umweltbezogenen Aspekt von Kultur. Als eine Art Anpassungsstrategie des Menschen an seine Umwelt ist die Definition von Kultur somit nicht auf Länderunterschiede bezogen, sondern macht deutlich, dass es von Familie zu Familie unterschiedliche Familienkulturen gibt. Entsprechend existieren je nach Umfeld unterschiedliche elterliche Überzeugungssysteme – parentale Ethnotheorien – in Bezug darauf, wie kindliche Entwicklung verlaufen sollte, was gutes und entwicklungsförderliches pädagogisches Handeln ausmacht.

 

An interessanten Beispielen aus vergleichenden Studien zeigt die Referentin auf, wie unterschiedlich elterliche Vorstellungen zu förderlichem Erziehungsverhalten sein können. Sie benennt Beispiele zu solchen Themen wie eigenständiges Einschlafen und Essen, Bedürfnisbefriedigung, feste Tagesabläufe oder Spielzeug. Dabei betont sie die Wichtigkeit eines kultursensitiven Ansatzes. „Durch Reflektion gelingt es uns, die eigenen Vorurteile zu erkennen, im Kontakt mit Eltern kreative Wege des gegenseitigen Verstehens anzubahnen und Schlüsselsituationen im Betreuungsalltag am Kind orientiert zu gestalten“, fasst Dr. Berrin Özlem Otyakmaz den Anspruch an pädagogische Fachkräfte zusammen.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Heike Hofmann-Salzer vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration zieht am Ende der Veranstaltung das Resümee, wie stark „deutlich geworden ist, dass Kindertagespflege im Kontext von Flucht sehr bedeutsam sein kann.“ Es gehe darum, gemeinschaftlich Lösungen im Interesse des Kindes zu finden und dafür wolle sie die Anregungen der Teilnehmenden gerne mitnehmen und diese weiterverfolgen.

 

„Es war sehr bereichernd, wie Sie sich alle eingebracht haben“, bedankt sich Frau Hofmann-Salzer bei den Tagungsgästen. Mit einem weiteren Zitat von Prof. Gerald Hüther wünscht sie den Anwesenden viel Erfolg für die weitere Arbeit im Betreuungsbereich und lenkt den Fokus auf die wichtigsten Aspekte, die Kinder brauchen:
„Jedes Kind braucht drei Dinge: Aufgaben, an denen es wachsen kann, Vorbilder, an denen es sich orientieren kann, Gemeinschaft, in der es sich wohl und aufgehoben fühlt."

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