Rückblick auf die 18. Hessische Fachtagung zur Kindertagespflege 2015

Inhalt

Rückblick auf die 18. Hessische Fachtagung zur Kindertagespflege 2015

Titel

„wertschätzend – alltagsintegriert – einfühlsam
Kinder in ihrer Sprachentwicklung beobachten und begleiten“

 

Termin und Ort

09. Mai 2015
9:30 - 16:30 Uhr
Gelnhausen

 

Kooperationspartner

Hessisches KinderTagespflegeBüro
Hessisches Ministerium für Soziales und Integration 
Zentralstelle für Kinderbetreuung im Main-Kinzig-Kreis

 

Bilder

Fotos vom Fachtag finden Sie in unserer Bildergalerie.

 

Fachvortrag von

Julia Dahlmann, Bundesverband für Kindertagespflege e.V.

 

Inhalte

Die Sprachentwicklung bei Kindern stand im Fokus dieser Tagung. Und dass Sprache nicht nur auf der verbalen Ebene passiert, sondern einen Komplex aus unterschiedlichen verbalen, nonverbalen, mimischen, gestischen, körpersprachlichen, stimmlichen, visuellen Elementen darstellt, wurde auf dieser Fachtagung erlebbar: Aufgrund des Ausfalls von Mikrophonen war die akustische Aufmerksamkeit der Zuhörerinnen und Zuhörer gefragt, aber auch Beobachtungsgabe und Konzentrationsfähigkeit. Es gab viel zu sehen, zu hören, Bewegung, Rhythmik, Möglichkeiten, sich einzubringen, zu diskutieren, nachzudenken, sich auszutauschen. 

 

Begrüßung und Würdigung des 15-jährigen Jubiläums der Zentralstelle für Kinderbetreuung im Main-Kinzig-Kreis
Am Vormittag wurden die Teilnehmenden von Ursula Diez-König, der Leiterin des Hessischen KinderTagespflegeBüros, Oliver Gömpel, Sachgebietsleiter für Kinderbetreuung im Main-Kinzig-Kreis, und Dr. Wolfgang Dippel, Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration, begrüßt. Im mit einem Apfelbaum und zahlreichen Äpfeln geschmückten Saal des Main-Kinzig-Forums wurde Stefan Ripke zu Wort gebeten, der „[…] die Pflanze der Kindertagespflege im Landkreis hervorgebracht“ und ihr gutes Gedeihen und Früchtetragen in der Vergangenheit intensiv unterstützt habe. Der ehemalige Sachgebietsleiter selbst bevorzugte für sich das Bild des Taufpaten, der „[…]  im Jahr 2000 den Fachbereich aus der Taufe gehoben“, sich für die große Bedeutung der Kinderbetreuung eingesetzt und die Kindertagespflege beim Übergang vom privaten Bereich in den öffentlich finanzierten begleitet habe. Nach und nach sei es gemeinsam mit anderen Akteuren gelungen, die Kindertagespflege auf unterschiedlichen Ebenen qualitativ weiter auszubauen, so dass nun diese familiennahe Betreuungsform ein sehr wichtiges Standbein des bedarfsgerechten Kinderbetreuungsangebotes im Main-Kinzig-Kreis darstelle.

Seit der Gründung des neuen Sachgebiets sind nun 15 Jahre vergangen. Das Jubiläum der Zentralstelle für Kinderbetreuung im Main-Kinzig-Kreis kam bei dem Fachtag auf eine besondere Art zum Tragen: in einem feierlichen Rahmen wurden acht neu qualifizierten Tagesmüttern und einem Tagesvater Zertifikate des Bundesverbandes für Kindertagespflege, die ihnen den erfolgreichen Abschluss ihrer Grundqualifizierung im Umfang von 160 Unterrichtseinheiten bestätigen, überreicht.

 

Bewegter Einstieg
Um ins Thema des Fachtags einzusteigen, wurde es im Anschluss ziemlich beweglich im Saal. Die Teilnehmenden haben unterschiedliche Berührungspunkte mit dem Thema Sprachentwicklung; daran sollte der bewegte Einstieg anknüpfen. In der ersten Runde wurden die Teilnehmenden gebeten, ihre Gedanken frei schweifen zu lassen und Assoziationen zu sammeln zur Frage: In welchem privaten Umfeld kann ich Kinder in sprachlichen Interaktionen beobachten? Um sich hierzu auszutauschen, haben sich die Anwesenden einer von vier Gruppen angeschlossen, je nachdem, in welchem Umfeld ihnen Kinder interaktiv am meisten begegnen: im familiären, im erweiterten sozialen oder in keinem Umfeld bzw. im Freundeskreis. Bei der Zuordnung der Personen zu den jeweiligen Ecken wurde deutlich, dass alle Kindern in privaten Zusammenhängen begegnen. Im Austausch erinnerten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an unterschiedliche Situationen, Verhaltensweisen und Charakteristiken sprachlichen Agierens von und mit Kindern.

In der zweiten Runde erfolgte die Zuordnung in die vier Ecken des Raumes nach beruflichen Feldern: in zwei Gruppen tauschten sich Tagespflegepersonen und Erzieher/innen aus, in einer Fachberater/innen und Multiplikator/inn/en und in der dritten Gruppe fanden sich  Personen aus weiteren beruflichen Bereichen zusammen. An der Verteilung der Personen im Raum wurde deutlich, dass der Fachtag vor allem von Tagesmüttern und -vätern gut besucht war und dass sich die Teilnehmenden in allen genannten Berufsgruppen wiederfanden; niemand ordnete sich den „weiteren Berufsgruppen“ zu. Unter der Leitfrage „Was assoziiere ich mit Sprachentwicklung?“ wurde Unterschiedliches erinnert und diskutiert. Beispielsweise sind dazu solche Stichworte benannt worden wie singen, vorlesen, Finger- und Rollenspiele, Nachahmung, Interaktion, Augenhöhe, Prozess, Wortschatz, Melodie, sprachliches Begleiten von Tätigkeiten, Freude an der Entwicklung, Sprachverzögerungen, zuhören und ernst nehmen.

 

Vortrag „Alltagsintegrierte Sprachförderung – Sprechfreude begleiten und unterstützen“
Im anschließenden Vortrag widmete sich die Referentin Julia Dahlmann vom Bundesverband für Kindertagespflege e.V. dem Prozess des Spracherwerbs. Wichtige Voraussetzungen für den Erwerb von Sprache bringe jeder Säugling von Anfang an mit sich. Spiegelneurone gehörten zu der biologischen Grundausstattung jedes Menschen, die emotionale Kompetenzen ermöglichten. Diese Fähigkeit des Wahrnehmens von Gefühlen bei anderen sei ein notwendiger Bestandteil von Kommunikation und maßgeblich am Beziehungsaufbau zwischen Menschen beteiligt. Säuglinge könnten beispielsweise an der Reaktion von Erwachsenen ein Bild von der eigenen Verfassung gewinnen. Das Gesicht der Mutter ist wie ein Bildschirm, der dem Säugling zeigt, was er fühlt.“, erläuterte Julia Dahlmann. Da Gefühle ihre Bedeutung in der Beziehung erlangen, „entsteht ein intuitives Grundgefühl sozialer Verbundenheit“, fuhr die Referentin fort.

An dieser Stelle zeigte sie einen Film mit dem „Still-Face-Experiment“ von Dr. Edward Tronick, der die Wichtigkeit von frühen liebevollen Interaktionen mit Bezugspersonen für die Entwicklung von Kindern deutlich machte. Darin wurde im experimentellen Rahmen eine Situation erzeugt, in der die Mutter für die Dauer von zwei Minuten die Kommunikationssignale des Säuglings ignoriert (still face). Während der Säugling zu Beginn immer wieder neue Kommunikationsversuche startet in der Hoffnung, dass die Bezugsperson reagiert, gibt er nach einiger Zeit verzweifelt auf und fängt an zu weinen.

Nicht nur für die gesunde psychische Entwicklung sind sensible Interaktionen wichtig. Auch Sprache wird in Interaktionen mit Bezugspersonen gelernt. Kinder imitieren ihre Eltern, beobachten und hören intensiv zu, sie sprechen Wörter nach, wiederholen viel, probieren aus, bilden neue Wörter, testen die Wirkungen von Sprache auf andere und entdecken sprachliche Regeln. Bei diesem Prozess sei es wichtig, dass Erwachsene als Sprachvorbilder fungierten und ihre sprachlichen Angebote an die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder anpassten, betonte die Referentin. U. a. durch aktives Zuhören, Blickkontakt, das Eingehen auf die Themen des Kindes, durch das Aufgreifen, Wiederholen und Erweitern von kindlichen Äußerungen, durch kurze klare Sätze, handlungsbegleitendes gesprächsanregendes Sprechen könnten Erwachsene sprachliche Vorbilder sein.

Zum Schluss ihres Vortrags verwies Julia Dahlmann darauf, dass „[…] einen sprachentwicklungsförderlichen Dialog zu führen, eine anspruchsvolle Aufgabe darstellt“. In diesem Zusammenhang regte sie an, sich mit dem eigenen Sprachverhalten auseinanderzusetzen, um in kritischer Reflexion „[…] dem Ideal Schritt für Schritt näher zu kommen“.

 

Arbeitsgruppen und Abschluss
In den Arbeitsgruppen am Nachmittag hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich zu unterschiedlichen im Zusammenhang mit der Sprachentwicklung von Kindern stehenden Themen auszutauschen:

  1. Alltagssituationen, klassische und neue Spiele – Sprachförderung ganz nebenbei
  2. Von der Sprache in die Beziehung – Dialoge mit Kindern führen
  3. Mit Kindern kommunizieren im Tagesmutteralltag
  4. Gelingende Kommunikation!?
  5. Jedes Kind in seinem Tempo – Sprachentwicklung und Sprachförderung

Die Gestaltung der Arbeitsgruppen war sehr lebendig und kommunikativ. Die Teilnehmenden haben zugehört, sich eingebracht mit Wortbeiträgen, Einfällen, bei Bewegungs- und Sprachspielen, haben analysiert, reflektiert und gemeinsam gelacht.

Auch danach ging es spannend weiter im Plenum. Bei Fingerspielen, die begleitet wurden durch Gesang, haben die Teilnehmenden spielerisch ihre Bewegungen sprachlich begleitet, damit ihr Gehör, die Mundmotorik, das Rhythmusgefühl geschult. Sie haben Sprachbildung am eigenen Leib erfahren.

 

 

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