Rückblick auf die 17. Hessische Fachtagung zur Kindertagespflege 2013

Inhalt

Rückblick auf die 17. Hessische Fachtagung zur Kindertagespflege 2013

Titel

„bindungsbezogen – anregend – kindorientiert

Frühkindliche Entwicklung in der Kindertagespflege“

 

Termin und Ort

27. April 2013
9:30 - 16:30 Uhr
Gießen

 

Kooperationspartner

Hessisches KinderTagespflegeBüro
Jugendamt der Stadt Gießen
Eltern helfen Eltern e. V.
Evangelische Familien-Bildungsstätte Gießen

 

Fachvortrag von

Prof. DDr. Lieselotte Ahnert, Universität Wien

 

Inhalte

Den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Bindung und Bildung in  der frühkindlichen Entwicklung und der Umsetzung von Bildungsprozessen  in der Kindertagespflege widmete sich die Entwicklungspsychologin Prof. DDr. Ahnert in ihrem Vortrag bei der Fachtagung am 27. April. Die Veranstaltung wurde in Kooperation des Hessischen KinderTagespflegeBüros mit dem Jugendamt der Stadt Gießen, Eltern helfen Eltern e. V. und der Evangelischen Familien-Bildungsstätte Gießen im Rathaus der Stadt durchgeführt und trug den Titel „bindungsbezogen – anregend – kindorientiert: Frühkindliche Entwicklung in der Kindertagespflege“ . Fußend auf der von der Referentin vorgestellten österreichischen Forschungsstudie “Parenting & Co-Parenting“ brachte der Fachtag erfreuliche und sehr interessante Ergebnisse für den Betreuungsbereich Kindertagespflege.

„Der Versorgungsgrad für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren liegt in Gießen aktuell bei 38 %“, so die Bürgermeisterin der Stadt, Gerda Weigel-Greilich. Die Kindertagespflege mit zurzeit 70 tätigen Tagespflegepersonen, die insgesamt 180 Kinder betreuen, leiste dazu einen wichtigen Beitrag. Nicht nur quantitativ ist diese Betreuungsform von Bedeutung, sondern auch in qualitativer Hinsicht. Da die Stadt Gießen einen hohen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund hat, spielt die Kindertagespflege dort im Gesamtsystem der Kinderbetreuung eine wichtige Rolle. Die Bürgermeisterin betonte, dass „die Vielfalt an familiären Lebenslagen eine Vielfalt an Betreuungsangeboten braucht“ und dass Gießen „den Familien ein Betreuungsangebot vorhalten möchte, dass zu ihrer individuellen Lebenssituation passt“. In diesem Sinne wagte Frau Weigel-Greilich den Blick in die Zukunft und beteuerte: „Ich glaube, dass es sinnvoll ist, dieses Angebot fortzuführen.“

Das Grußwort der Bürgermeisterin wurde gefolgt von einer Einführung in den Tag durch Ursula Diez-König. Als Leiterin des Hessischen KinderTagespflegeBüros begrüßte sie die anwesenden Tagespflegepersonen, Kolleginnen und Kollegen aus Vermittlung, Beratung und Qualifizierung, Vertreterinnen des Hessischen Sozialministeriums und des Landesverbandes für Kindertagespflege sowie weitere Interessierte. „Der Fachtag, der sich in eine Tradition von seit 1996 ein- oder zweimal jährlich durchgeführten Tagungen einreiht, bietet eine Besonderheit“, gab Frau Diez-König zu verstehen. Parallel zur Tagung wurde nämlich die Ausstellung „Bildungsort Kindertagespflege: von Anfang an familiär, verlässlich, professionell – Tagesmütter und Tagesväter gestalten Zukunft“ gezeigt und war für weitere 14 Tage im Rathaus der Stadt Gießen der Öffentlichkeit zugänglich. Als Teil des Maßnahmenpaketes Kindertagespflege der Hessischen Landesregierung informiert die Ausstellung über das Betreuungsfeld und zeigt, wie das Gesamtsystem Kindertagespflege aufgebaut ist. Bevor die Leiterin des Hessischen KinderTagespflegeBüros das Wort an die Referentin des Tages übergab, betonte sie die Stärke der Kindertagespflege: „Sie ist gerade für Kinder unter drei gut geeignet, weil sie eine individuelle und familiennahe Betreuung bietet und den differenzierten Bedürfnissen der Kinder und Eltern gerecht wird.“

Mit einem Blick in die Vergangenheit startete Prof. DDr. Ahnert ihren Vortrag „Bindung und Bildung in der Kindertagespflege“. „Während in den 1960er Jahren dem Säugling kaum Kompetenzen zugetraut wurden, wissen wir heute, dass sie aktiv handelnde Wesen sind“, führte die Professorin aus. Aktuelle Erkenntnisse der Forschung weisen darauf hin, dass Säuglinge von Anfang an begreifen, was es heißt, Mensch zu sein und menschliches Handeln mit bestimmten dahinterstehenden Absichten verknüpfen. Die Entwicklungspsychologin machte deutlich, was für eine gute Entwicklung von Kindern notwendig ist: ununterbrochene Dialoge, das „Sich-Aufeinander-Einstellen“ in spontanen Interaktionen, sicherheitsgebende Bindungsbeziehungen und eine sensitive Betreuung. Auf diesen Aspekten beruhend wurde in der Studie „Parenting & Co-Parenting“ die Bindungs-Explorations-Balance als Kernstück der Untersuchung festgelegt. Kinder suchen einerseits nach Schutz und Sicherheit bei ihrer Bindungsperson, andererseits sind sie neugierig und wollen die Welt erkunden bzw. explorieren. Wenn diesen zwei Bedürfnissen entsprochen wird, kann sich das sicher gebundene Kind wunderbar entwickeln und sich sorglos der Entdeckung seiner Umwelt widmen. Beim Vergleich der Betreuung in Tagespflegestellen, Krippen und bei Eltern wurde das beeindruckende Ergebnis ermittelt, dass in Bezug auf die Bindungs-Explorations-Balance „die Betreuung bei einer Tagesmutter das Äquivalent zur Betreuung bei der Mutter“ darstellt.  „Die Bindungs-Explorations-Balance ist bei Tagespflegepersonen erreicht; bei Erzieher/innen steht diese in Abhängigkeit zur Gruppengröße“, erläuterte die Referentin. Weiterhin verdeutlichte sie, dass „es im Kontakt mit Tagespflegepersonen doppelt so viele Eins-zu-eins-Situationen mit Kindern [gibt], als mit Erzieher/innen“. Zudem wies sie darauf hin, dass in der Kindertagespflege gute Kompensationseffekte nachgewiesen werden konnten, wenn die Betreuung in der Familie einige negative Effekte auf das Kind zeigte.

Nach einem kurzen Ausblick in die Struktur der Kindertagespflege in Österreich und einer nahrhaften Mittagspause konnten die Teilnehmenden des Fachtags sich in sechs unterschiedlichen Arbeitsgruppen über die Inhalte des Vortrags austauschen und einzelne themenspezifische Aspekte vertiefen.

  1. Bindungsbesonderheiten in der Kindertagespflege – Co-Parenting: was ist das eigentlich?
    Moderation: Marion Limbach-Perl
  2. Natürliche kindliche Kompetenzen - wie kann ich daran anknüpfen und sie fördern?
    Moderation: Rosy Henneberg
  3. Gemeinsam für das Kind – wie wirkt sich ein guter Elternkontakt auf die Entwicklung aus
    Moderation: Dr. Ute Schaich
  4. anregend–geborgen-strukturiert – wie schaffe ich eine gute Balance für die Bildung?
    Moderation: Barbara Beckmann
  5. Gemeinsam geteilte Aufmerksamkeit / Triangulierung – wie fördert sie das Denken und Fühlen?
    Moderation: Julia Schulz
  6. Für Fachberatung: Argumente für die Kindertagespflege – was bedeutet die Studie für unser Image vor Ort?
    Moderation: Ursula Diez-König

 

Im Plenum wurden dann die in den Arbeitsgruppen besprochenen wichtigsten Diskussionspunkte vorgestellt, interessante neue Thesen gebildet und spannende Wortschöpfungen kreiert. „Man muss die Unterschiede von Tagespflegepersonen und Eltern kennen, um das „Co“ in „Co-Parenting“ herzustellen“, „Wenn wir gut für uns als Tagespflegepersonen sorgen und zur inneren Balance gelangen, dann gelingt auch die Beziehung zu Kindern“ sowie „Kinder brauchen Wurzeln und Flügel“ waren einige der entwickelten Thesen.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Beitrag von Heike Erlenbach, der ersten Vorsitzenden des Hessischen Landesverbandes für Kindertagespflege e. V. Sie stellte den Vorstand, der sich seit Anfang des Jahres ferner aus der zweiten Vorsitzenden Susanne Schäckermann, der Schriftführerin Heike Schreiber, der Kassenwartin Beate Löber-Kieslich und dem Beisitzer Carl-Ernst Boss zusammensetzt, vor. Frau Erlenbach dankte für das dem Vorstand entgegengebrachte Vertrauen und bekundete ihre Freude, bei der weiteren Tätigkeit des Landesverbandes mitzuwirken.

Rundum ist der Fachtag gut gelungen, was vor allem auch mit der vielen Unterstützung durch die Kooperationspartner zusammenhängt. Wir möchten uns für das Engagement herzlich bedanken.

Auch die Presse war zu Gast bei der 17. Hessischen Fachtagung zur Kindertagespflege. Den Bericht des „Gießener Anzeiger“ können Sie unter folgendem Link nachlesen:

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten/13044368.htm

 

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