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Endlich wieder ein Stück „Normalität“!

Nachgefragt bei Tagesmutter Rosy Henneberg...

„Wir sind wieder da“ mit diesen Worten beschreibt Luise ihre Gefühle am ersten Tag nach der Öffnung unserer Kindertagespflege SPIELRAUM. Elf lange Wochen des Corona Betretungsverbotes liegen hinter uns. Luise schaut sich ganz genau im Raum um und findet alles genauso wieder, wie vor der Schließung. Dann dreht sie sich zu mir um und sagt lachend: „Und siehst du, du hast gar keinen Husten und ich auch nicht.“

Damit nimmt sie ihre Freundin Robin, die sie in der langen Zeit auch nicht gesehen hat, bei der Hand und steuert den Spielbereich „Kinderwohnung“ an. Wie auch am letzten Tag vor der Corona Schließung beginnen die beiden spielerisch das Frühstück für sich und die Puppen vorzubereiten, den Tisch zu decken, Kaffee zu kochen, die Puppen auf ihre Plätze zu verteilen und für sich selbst die kleinen Hocker bereitzustellen. So, als wäre für sie die Zeit stehen geblieben, knüpfen sie genau da an, wo sie vor elf Wochen aufgehört haben. Dann kommt Franka fröhlich hereinspaziert, schaut sich um, findet „ihr“ Trampolin in der Ecke und bittet sofort darum, dass es für sie aufgebaut wird. Auch sie macht genau das, womit sie vor elf Wochen aufgehört hat - sie übt sich im Trampolinspringen.

Janne will Nudeln essen und im Sand spielen, auch das ist typisch für ihn. Und Juna freut sich, wie schon zuvor, über meine Katzen, die ihr beim Ankommen im Hof begegnen. Jetzt freut sie sich offensichtlich auch darüber, dass sie zu ihnen hinlaufen kann. Juna hat in der Zeit des Betretungsverbotes Laufen gelernt. Auch einige Worte spricht sie jetzt ganz deutlich und ihr Sprachverständnis ist sehr gut. Juna hat in den elf Wochen große Entwicklungsschritte gemacht. Und auch sie zeigt uns, dass sie alles wiedererkennt und sich darüber freut wieder hier zu sein. Juna hat vor Corona gerade ihre Eingewöhnung sehr gut gemeistert und war die ersten Tage allein bei uns im Spielraum, während ihre Mutter wieder arbeiten ging. Die Übergabe haben wir immer von Arm zu Arm gemacht.

Heute versuchen wir es zum ersten Mal anders, denn die Hygienevorschriften verlangen bei der Übergabe von Arm zu Arm einen Mund-Nasen-Schutz auf beiden Seiten. Junas Vater lässt sie vor der Tür, noch im Außengelände vom Arm, ich sitze auf der Treppe zur offenen Eingangstür. Juna streckt die Arme aus und lacht mich an. Ich strecke ihr meine Arme entgegen und sie läuft auf mich zu. So kann ich sie dann auf den Arm nehmen, wie sie es gewohnt ist. Damit sind alle unsere fünf Kinder nach elf Wochen Betretungsverbot wieder bei uns angekommen. Alle, ohne eine spezielle Eingewöhnungszeit zu brauchen.

Meine Kollegin und ich freuen uns sehr darüber, dass unsere diesbezüglichen Ängste und Befürchtungen nicht eintreten. Wir glauben damit auch zu wissen, dass unsere genaue Planung vor der Öffnung ihren Erfolg zeigt. Was haben wir gemacht, um unseren Kindern den Neueinstieg so einfach wie möglich zu gestalten? Wir haben mit bestem Gewissen nach unserem Grundsatz geplant, den Kindern so wenig wie möglich Corona Vorschriften zuzumuten und dabei doch noch den größtmöglichen Schutz für uns alle zu bieten.

Wir begrüßen Kinder und Eltern in unserem kleinen Außengelände, wie wir es auch vorher schon oft getan haben. Da eine weitere Hygienevorschrift das Händewaschen vor dem Betreten der Räumlichkeiten verlangt, bitten wir die Eltern dies zu übernehmen. Immer nur ein Elternteil und ein Kind, was in unserem kleinen Flur und Bad schon vor Corona Sinn gemacht hat. Im Bad stehen jetzt vier verschiedene Flüssigseifen in unterschiedlichen Spendern bereit. Darunter auch ein rosa „Zauberschaum“ und ein Seifenspender, der automatisch Seife „ausspuckt“. Damit wird das Händewaschen gleich zum Highlight am Morgen. Ganz bewusst entscheiden wir uns dafür, dass die Eltern das Händewaschen übernehmen. Damit bringen die Kinder die neue Situation nicht mit uns in Verbindung. Wir erwarten sie, wie gewohnt, zum Spielen und Spaß haben.

Die ankommenden Eltern finden im Außengelände genügend Sitzmöglichkeiten, um mit Abstand auf einen freien Platz in Flur und Bad zu warten. Sie sind gut informiert, wissen, dass sie den Betreuungsraum möglichst nicht betreten dürfen und unterstützen uns dabei, alle nötigen Regeln gut einhalten zu können. Mund und Nasenschutz werden deshalb bei uns nicht nötig und genau so, haben wir das auch gewollt. Wenn öffnen, dann nur so, dass die Kinder alles so normal wie möglich vorfinden können.

Über die Essenssituation haben wir lange nachgedacht, um bei allen Hygienevorschriften unser selbstbestimmtes, partizipatorisches Konzept aufrecht erhalten zu können. Die Kinder sollen sich weiterhin ihr Essen aussuchen und auch selbst nehmen können. Deshalb servieren wir unser Tischbuffet in unterschiedlich großen Gläsern, die alle einen Glasdeckel haben. Wir legen schon immer viel Wert auf einen ansprechend und schön gedeckten Tisch und präsentieren den Kindern die neuen Gläser als unsere neue Idee. Sie lernen spielend die Deckel unter unserer Aufsicht kurz aufzumachen und sich mit einem Löffel oder einer Gabel, statt mit den Fingern, zu bedienen. Sie wissen, dass man wegen des „Corona-Hustens“ aufpassen muss, dass niemand ins Essen hustet, niest, spuckt oder es mit abgeleckten Fingern berührt. Passiert es doch einmal, wird es ausgetauscht. So übernehmen unsere Kinder einen Teil der Verantwortung, weil sie gut informiert sind. Sie wissen, um was es geht und werden nicht vor vollendete Tatsachen gestellt, weil wir Erwachsene jetzt plötzlich über das Essen bestimmen und es selbst austeilen. Jedes Kind hat sein eigenes Glas mit Namen, auf das es sich zu Beginn des Tages noch sein eigenes Erkennungszeichen aufmalen kann. Damit ist gewährleistet, dass jeder sein Glas selbst erkennen kann. Wir erinnern allerdings daran, nur das eigene Glas zu benutzen und haben natürlich ein Auge darauf.

Auch der Umgang mit den Spielsachen und die erforderliche Reinigung haben wir sehr genau geplant. Decken, Kissen und Verkleidungssachen sind teilweise ganz weggeräumt oder stark reduziert. Alle anderen Sachen bleiben an ihrem gewohnten Platz zur freien Nutzung. Da unsere Kinder alle im Alter zwischen einem und gerade drei Jahren sind, kann man davon ausgehen, dass sie die benutzen Spielzeuge nicht wieder an ihren Platz zurück räumen. Das machen wir uns für unser Hygienekonzept zu Nutzen. Was offensichtlich nicht mehr benutzt wird sammeln wir alle zusammen in einem Wäschekorb. Die Spielzeuge in diesem Korb können dann am Ende des Tages gereinigt werden, wie es die Vorschriften verlangen. Gleichzeitig haben unsere Kinder viel Spaß daran den Korb zu füllen. Wir reinigen so auf keinen Fall zu wenig Spielzeuge! Nach zwei Wochen finden wir für uns heraus, dass wir bei einer täglich gleichbleibenden Gruppe von fünf Kindern, die Spielzeuge nicht unbedingt jeden Tag gründlich reinigen müssen. Wir planen deshalb die große Reinigung“ für unseren letzten Tag in der Woche ein und gewinnen so wieder mehr Zeit für die pädagogische Arbeit mit den Kindern.

All das geschieht natürlich in Rücksprache mit den Eltern und mit Blick auf die Entwicklung der Corona Pandemie und ihren Vorschriften. Ganz besonders aber mit Blick auf unsere Kinder, die wir so wenig wie möglich mit der Thematik belasten und in ihren gewohnten Freiheiten und ihrem Mitspracherecht einschränken wollen. Wie freuen uns heute sehr, dass unsere Konzept Erfolg bei dem Wiedereinstieg zeigt. Auch die Rückmeldung unserer Eltern dazu, wissen wir sehr zu schätzen.

Luise hat vor drei Wochen einen kleinen Bruder bekommen. Gestern darf er zum ersten Mal mitkommen und sie darf ihn uns zeigen. Natürlich bleiben wir alle im Freien. Ich soll Leonnard begrüßen, bin aber noch sehr unsicher, wie ich mich zu einem so kleinen Kind in der jetzigen Zeit verhalten soll. Luise zeigt es mir. „Guck, du kannst mal seine kleinen Füße anschauen, er hat sogar kleine Socken.“ sagt sie. „Du kannst mal die Decke hochheben und seine Füße streicheln, aber nicht spucken! Der Schorschi hat auch keinen Husten und jetzt muss der gleich wieder nach Hause.“ Luises Mutter lacht mir dabei aufmunternd zu.

Unser Fazit nach drei Wochen Öffnung: wir haben unsere „kleine Corona-Spielraum-Insel“ geschaffen. Mit den Kindern leben wir nahezu „normal“ zusammen, zu den Eltern halten wir den vorgeschriebenen Abstand ein. Wir räumen uns täglich, in Absprache mit den Eltern, Zeit zum Nachdenken und Umplanen ein, sodass wir unser Konzept immer wieder den neuen Begebenheiten anpassen können. Das alles tut nicht nur den Kindern sehr gut, sondern auch uns Erwachsenen. Besonders nach der langen Zeit, die wir nicht nur mit gesundheitlichen, sondern auch mit existenziellen Sorgen zu Hause waren. Es tut einfach gut, den Kindern wieder das Wort zu geben und von ihnen lernen zu können. Es tut gut wieder die schönen Seiten im Leben mit unseren Kindern gemeinsam zu erleben und zu genießen. Und es tut auch gut wieder Körperkontakt zu unseren Kindern haben zu können, denn ohne geht es in unserer Arbeit mit so kleinen Kindern gar nicht.

 

Rosy Henneberg, Kindertagespflegeperson, Erzieherin, Autorin
Stand: Juni 2020

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