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Die Ära des Hessischen Landesverbandes für Kindertagespflege e.V. geht zu Ende

Frankfurt, den 28.02.2015

Wir fordern weiterhin Lobbyarbeit – ein Aufruf

Marion Limbach-Perl, Diplompädagogin, und Heidi Reitz, Diplom-Psychologin, ehemals langjährige Vorstandfrauen des Hessischen Landesverbandes für Kindertagespflege e.V., resümieren mögliche Gründe für das Ende einer Ära.

Am 28.02.2015 war es soweit: Der im November 2000 gegründete Hessische Landesverband für Kindertagespflege e.V. wird zum 30.04.2015 aufgelöst. Dies geschieht nicht, weil für die Kindertagespflege alle fachpolitischen Ziele erreicht sind, sondern weil es für diese Form der Lobbyarbeit keine Nachfolge gibt.

Das hat unseres Erachtens seine Gründe im Format des Verbandes und lässt sich aus seiner Geschichte heraus verstehen. Ein Blick zurück mag helfen zu verstehen, warum es auch gut sein kann, diese Form von Lobbyarbeit ordnungsgemäß zu beenden.

In einem Aufruf argumentieren wir, warum die Kindertagespflege als Betreuungsform heute immer noch viel unterstützende Lobby braucht.

Der Blick zurück

Wie alle Landesverbände hat auch der Hessische Landesverband seine ureigene Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte.

Der mittlerweile gut etablierte landesweite Fachdienst Hessisches KinderTagespflegeBüro existierte bereits fünf Jahre. Die Vernetzungsarbeit zeigte Ergebnisse. Fachkräfte aus Jugendämtern und bei Freien Trägern, die sich vor Ort eher als Einzelkämpfer/innen erlebten, kannten sich auf Grund der regelmäßigen Fachtagungen, Fortbildungen und Vernetzungstreffen. Es war eine, wenn auch überschaubare, Gruppe gewachsen, gewissermaßen eine „hessenweite Familie“ von Fachkräften für Kindertagespflege.

Bereits 1998 formulierten sowohl Fachkräfte als auch Tagespflegepersonen auf einer Fachtagung in Kassel die Forderung, dass neben der fachdienstlichen Unterstützung auch eine fachpolitische Lobbyarbeit nötig wäre. Einer unermüdlichen Gruppe, zu der auch Carl-Ernst Boss im aktuellen Vorstand gehörte, um Karin Hahn, der damaligen Leiterin des Hessischen KinderTagespflegeBüros und Peter Leuschner, damaliger Leiter der entsprechenden Fachabteilung im Landesjugendamt, ist es zu verdanken, dass im November 2000 ein Hessischer Landesverband als eingetragener Verein mit einem vierköpfigen Vorstand gegründet werden konnte. Passender Weise waren dies zwei pädagogische Fachkräfte, die als Beraterinnen und Fortbildnerinnen der Kindertagespflege verbunden waren, und zwei aktive Tagesmütter.

Zum einen war der landesweite Fachdienst Hessisches KinderTagespflegeBüro mit Sitz in Maintal längst nicht so etabliert wie er es heute ist. Die Fachwelt sorgte sich, was passieren könnte, falls Landeszuschüsse eingestellt würden. Man wollte mit dem Landesverband gegebenenfalls „Auffangstrukturen“ schaffen, damit sowohl Fachwissen als auch Erfahrungswissen nicht verloren gingen. Zum anderen gab es viele vereinzelte Tagespflegepersonen, die weder einer kollegialen Gruppe noch einem Verein angehörten, und die über eine Mitgliedschaft im Landesverband sowohl Information als auch Vertretung ihrer Interessen erhalten sollten.

Von Anfang an waren das Wohl der Tagespflegepersonen und ihrer Familien, das Wohl der Tageskinder und ihrer Familien und auch die Ausstattung der Fachdienste selbst gleichwertig im Blickfeld des Landesverbandes, der sich als fachpolitische Stimme für die Qualitätsentwicklung des gesamten Systems Kindertagespflege verstand.

Der damalige Vorstand - Betina Seibold, Marion Limbach-Perl, Simone Mell und Petra Erichsen - hatte wenig Zeit, sich mit der Entwicklung der eigenen Strukturen von Vorstandsarbeit zu befassen.

Die Kindertagespflegewelt war - wie so oft - in Aufruhr, da zu dieser Zeit im Zuge der Diskussion um Scheinselbständigkeit die BfA Tagespflegepersonen als rentenversicherungspflichtig „entdeckte“.

So war das erste schwierige Wort, das der Vorstand lernen und üben musste, „Mindestbeitragsbemessungsgrundlage“.

Bei dieser ersten Bewährungsprobe zeigten sich bereits Grenzerfahrungen eines ehrenamtlichen Vorstandes. Die Anforderungen waren höher als erwartet.

Wer zu den teilweise frappierend unterschiedlichen Verfahrensweisen der BfA, Tagespflegepersonen als versicherungspflichtig einzustufen (was Tagespflegepersonen in existenzielle Nöte bringen konnte und gebracht hat) einen öffentlich wirksamen Standpunkt vertreten wollte,

  • musste rechtlich gut informiert sein, bzw. gut beraten durch entsprechende Fachmenschen in all dem Wirrwarr von Paragrafen rund um die Kindertagespflege
  • musste gut vernetzt sein, innerhalb Hessens als auch bundesweit
  • musste die Materie studieren und dabei verstehen, um was es wem eigentlich ging und
  • eine eigene Position formulieren gegenüber Mitgliedern, gegenüber Medien, gegenüber Politik
  • musste strategisch denken und planen welche Maßnahmen sinnvoll wären, z.B.: eine Petition mit vorzubereiten und zur Verteilung bringen.

Im Jahr 2003 wurde der Vorstand neu gewählt. Marion Limbach-Perl rückte von der zweiten in die Position der ersten Vorsitzenden und Heidi Reitz kam als zweite Vorsitzende neu hinzu. Auch für die Kassiererin fand sich eine neue Besetzung, wiederum eine Tagesmutter, Claudia Schreiber, und es blieb als Schriftführerin Petra Erichsen.

Diese Vorstandsfrauen hatten gemeinsam:

  • ausreichend zeitliche Ressourcen (die erste als auch die zweite Vorsitzende arbeiteten beruflich in der Fachberatung von Tagespflegepersonen und waren dadurch hessenweit und bundesweit gut vernetzt. Die Schriftführerin und die Kassiererin arbeiteten als Tagesmütter, betreuten aber höchstens zwei Kinder, die eigenen Kinder waren schon älter)
  • ein kollegiales, partizipierendes Grundverständnis hinsichtlich Meinungsbildung, Entscheidungen und Aufgabenverteilung
  • unter anderem über die Berufstätigkeit erworbenes Fach- und Erfahrungswissen
  • Energie durch die Bereitschaft, sich zu empören und sich zu engagieren
  • Freude und Lust am gemeinsamen Entwickeln und Bewältigen von Aufgaben
  • wechselseitige Motivation, wenn der sprichwörtlich „lange Atem“ gebraucht wurde

Im Rückblick lassen sich diese Bedingungen als gute Voraussetzungen identifizieren, um ehrenamtlich und in der Freizeit fachpolitische Lobbyarbeit zu leisten.

Früh hat dieser Vorstand um Nachwuchs geworben. Immer wieder fanden sich engagierte Tagesmütter für die Position einer Beisitzerin. Beisitzerin sein ist eigentlich eine gute Position, um in die Vorstandsarbeit hineinzuwachsen. Ihre Beteiligung scheiterte letztlich an den mangelnden zeitlichen Ressourcen einer Tagespflegeperson, die existenzsichernd arbeiten und von daher fünf Tageskinder betreuen musste.

Verstärkung als Beisitzer erhielt der Vorstand über einen Mitgründer des Landesverbandes, Carl-Ernst Boss, der viel Erfahrung als Mitarbeiter des Marburger Jugendamtes mitbrachte und mittlerweile im Ruhestand war.

Die finanziellen Mittel des Landesverbandes waren von Anfang an dürftig. Im Rahmen der Festbetragsfinanzierung erhielt der Landesverband für seine Arbeit einen Landeszuschuss, der sich im Verlauf der Jahre auf ca. 2000,-- € pro Jahr erhöhte.

Eine andere Einnahmequelle waren die Mitgliederbeiträge, die bewusst niedrig gehalten wurden, damit sich Tagespflegepersonen eine Mitgliedschaft leisten könnten.

Mit dem Beschluss, die Beiträge für Organisationen und Vereine nach deren Anzahl von aktiven Tagespflegepersonen zu staffeln, haben einige die Vereinsmitgliedschaft gekündigt. Neue Organisationen oder Vereine ließen sich nur schwer anwerben.

Die Idee, als Service für einzelne Tagespflegepersonen eine Berufshaftpflichtversicherung anzubieten, um damit die Einnahmen des Landesverbandes zu erhöhen, führte nur scheinbar zu einem Erfolg. Wir gewannen weitere Einzelmitglieder, die aber in erster Linie wegen der günstigen Versicherung Mitglied wurden. Die neue Einnahmequelle erwies sich recht bald als neue Aufgabenstelle mit ganz eigener Dynamik. So brauchte es einen festen Ansprechpartner und klare Servicestrukturen, wie Sprechzeiten und eine eigene Telefonnummer.

Auf Grund von Erfahrungsberichten anderer Vereine und Verbände war klar, dass Mittel über Fundraising und Sponsoring zu erwirtschaften die Kapazität einer weiteren Person benötigt hätte.

Auffallend in der Geschichte des Landesverbandes ist die Tatsache, dass über die Gründungsmitglieder hinaus so gut wie keine pädagogischen Fachkräfte hinzukamen. Anders als vor der Gründungszeit verhielten sich pädagogische Fachkräfte interessiert, aber auch besorgt, wie eine Mitgliedschaft oder ein Engagement von öffentlichen Jugendhilfeträgern (entweder Arbeitgeber oder Zuschussgeber) bewertet werden könnte.

Im Zuge der Zeit musste der Landesverband ein eigenes öffentlich wirksames Profil entwickeln. Ein eigenes Logo, ein passender Flyer und Visitenkarten waren längst nicht mehr ausreichend.

Mit dem Einrichten und der Pflege einer Homepage und dem Versenden von Informationen per E-Mail an unsere Mitglieder entwickelte sich eine ganz neue Dimension von Service, der gewissermaßen täglich geleistet werden musste. Dieser Aufgabe hatte sich mit großem Engagement Petra Erichsen, die Schriftführerin, angenommen. Der traditionelle Versand per Post von Informationen „Neues vom Landesverband“ an die Mitglieder blieb turnusmäßig eine größere Aktion mit Hilfe von Honorarkräften. Sowohl Schriftführerin als auch Kassiererin übernahmen zuverlässig Organisations- und Verwaltungsaufgaben und entlasteten damit die Vorsitzenden erheblich.

Im Verlauf der Jahre mehrten sich die Arbeitsgruppen, in denen die Mitarbeit der 1. und 2. Vorsitzenden als Expertinnen gewünscht war.

Die Erfahrung zeigte, dass der Vorstand darüber am ehesten Einfluss nehmen konnte. Fachpolitische Forderungen, die wir regelmäßig gezielt und auch breit gestreut veröffentlichten, hatten selten eine direkte Reaktion zur Folge.

Wir lernten, dass Einflussnahme bestimmte Voraussetzungen hatte:

  • fachliche Reputation (Anerkennung unserer Expertise)
  • öffentliche „Parkettsicherheit“ (Wo ist welche Art von Sichtbarwerden und Vortrag angemessen)
  • die Entdeckung „natürlicher Verbündeter“, um sie für die Interessen der Kindertagespflege zu gewinnen
  • Medien zu nutzen, wenn sie auf spontane Anfragen unmittelbar Beiträge erwarten (Interviews durch Zeitungen, Radio und Fernsehen)

Das Volumen und die Komplexität der Lobbyarbeit mehrten sich, die ehrenamtliche Struktur blieb.

Zur Belastung wurde diese, als die zweite Vorsitzende und die Kassiererin beruflich im Bereich Kindertagespflege nicht mehr tätig waren und sich in neue Themenfelder einarbeiten mussten. Hinzu kamen familiäre Verpflichtungen bei anderen Vorstandsmitgliedern.

Das Jahr 2012 stand ganz im Zeichen der Suche nach einem neuen Vorstand. Bereits Ende April hatte die erste Vorsitzende veröffentlicht, dass für die Mitgliederversammlung im November ein neuer Vorstand gesucht würde, da der amtierende Vorstand definitiv nicht mehr zur Verfügung stünde. Doch erst an der Mitgliederversammlung war klar, dass ein neuer Vorstand gewählt werden konnte.

Es ist aller Ehren wert, dass sich damals drei Tagesmütter - Heike Erlenbach, Susanne Schäckermann und Beate Löber-Kieslich - und eine Kindertagesstättenleiterin - Heike Schreiber - sowie Carl-Ernst Boss als Bindeglied zum alten Vorstand zur Wahl stellten mit dem Anliegen, den Hessischen Landesverband für Kindertagespflege e.V. zu erhalten und eigene neue Akzente zu setzen.

In den folgenden beiden Jahren stand jedoch kein guter Stern über der Arbeit des Vorstandes. Wechsel von Personen, Amtsniederlegung, Mangel an Zeitressourcen durch familiäre Belastungen und manch andere Hürde ließen wenig Spielraum, eigene Ideen zu entfalten und in die Tat umzusetzen.

Durch diese Erfahrung kann der derzeitige Vorstand Heike Erlenbach, Corinna Becker, Stephan Gaberdiel und Carl-Ernst Boss bestätigen, was wir von außen betrachtet mittlerweile rückblickend analysiert und reflektiert haben: Die Aufgaben eines Landesverbandes sind angesichts der erwarteten Standards heutiger Lobbyarbeit ehrenamtlich nicht mehr zu leisten.

Wir bedanken uns für das Engagement in der Vergangenheit und für die Zeit, die es noch brauchen wird, die Auflösung des Landesverbandes abzuwickeln.

 

Wir fordern weiterhin Lobbyarbeit – ein Aufruf

Der Ausblick:

Vieles in der Kindertagespflege ist im Gegensatz zu den neunziger Jahren gesetzlich geregelt. Aktuelle Probleme dieser so wichtigen alternativen Betreuungsform sehen wir nach wie vor

  • im unterbewerteten Image der Kindertagespflege,
  • in der lokalen Praxis mancher Jugendhilfeträger im Umgang mit Tagespflegepersonen und
  • in Verwaltungsregeln, die qua Satzung die Arbeit der Tagespflegepersonen unerträglich bürokratisieren und einschränken, ihnen aber nach wie vor das gesamte Risiko der Freiberuflichkeit überlassen.

Besonders sorgenvoll verfolgen wir, dass durch den institutionellen Ausbau von Plätzen im U3 Bereich, in nicht wenigen Orten, gut qualifizierte und etablierte Tagesmütter, Tagesväter um ihre Existenz bangen müssen.

Gleichzeitig wird durch die zunehmende Professionalisierung eine Ausweitung und konzeptionell neue Qualität der Grundqualifizierung gefordert. So soll das Qualifizierungshandbuch, kurz QHB, (Ergebnis eines Modellprojektes der Bundesregierung, durchgeführt und evaluiert durch das Deutsche Jugendinstitut) ab Sommer 2015 zur Verfügung stehen und mittelfristig das bestehende Angebot von 160 Unterrichtseinheiten ablösen. Hier sehen wir Diskrepanzen sowohl in der Landesgesetzgebung als auch in den Angebotsstrukturen der Bildungsträger.

Der Bundesverband für Kindertagespflege e.V. mit Sitz in Berlin hat in den letzten Jahren viele grundsätzliche Probleme der Kindertagespflege thematisiert.

Doch wer kann, soll dies auf der Länderebene aufgreifen und gemäß den politischen Verhältnissen im jeweiligen Bundesland zur Sprache bringen, nachhaken, den Diskurs fordern, Konsequenzen einklagen?

Vielerorts entstehen Interessengemeinschaften von Tagespflegepersonen, die sich mit außergewöhnlichem Engagement für ihre konkreten Interessen gegenüber ihrem Jugendhilfeträger oder in ihrer Kommune einsetzen. Das hat einen großen Wert, zumal niemand die Verhältnisse vor Ort besser kennt als die davon Betroffenen. Doch sie brauchten Unterstützung, fachliche und juristische Beratung, aber auch Strategieberatung, politisches Coaching.

Kein wirklich öffentliches Thema ist die Situation der Fachdienste. Nach wie vor sind die meisten Fachdienste für die Aufgabe, nachhaltig Qualität in der Kindertagespflege zu sichern und weiterzuentwickeln, unzureichend ausgestattet. Dieses Thema bleibt sperrig, obwohl Aufgaben und Rahmenbedingungen von Fachdiensten mittlerweile im Rahmen des Aktionsprogramms der Bundesregierung durch das Deutsche Jugendinstitut erforscht und dokumentiert sind.

Wer also drängt darauf, die Rahmenbedingungen (Zeit und Ausstattung) für Fachberater/innen und Fortbildner/innen entsprechend zu verändern? Wer drängt darauf, dass es entsprechende Ausbildungs-, Weiterbildungsmaßnahmen geben muss, um die fachlichen Ressourcen der Begleiter/innen im örtlichen Netzwerk Kindertagespflege angemessen weiterzuentwickeln?

 

Es bleibt noch viel zu tun!                 Doch wer packt es an?

 

Nach wie vor müssen vor allem die Betroffenen selbst ihre Lobbyarbeit in die Hand nehmen und organisieren!

 

Wir fordern daher alle Tagespflegepersonen und alle pädagogischen Fachkräfte auf, sich für Kindertagespflege als wertvolles Betreuungssystem einzusetzen.

 

Organisierte Lobbyarbeit ist nach wie vor notwendig. Es braucht Ideen- und Konzeptentwickler/innen für ein finanziell tragfähiges Konzept, um einen professionellen Rahmen wie z.B. eine Geschäftsstelle und hauptamtliche Mitarbeiter/innen zu ermöglichen.

 

gez.:

Marion Limbach-Perl, Diplompädagogin, Multiplikatorin für den HBEP                        

 

Heidi Reitz, Diplom-Psychologin, pme Familienservice GmbH

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